
Die Frankfurter Buchmesse startet in diesem Jahr mit ungewohnt scharfen Warnungen aus der Branche. Im Mittelpunkt stehen weniger neue Bestseller als vielmehr die Zukunft des Lesens selbst – und die Frage, welche Rolle Künstliche Intelligenz und große Tech-Konzerne dabei spielen. Organisatoren und Branchenvertreter erwarten bis Sonntag mehr als eine Viertelmillion Besucher, nutzen die Plattform aber vor allem, um auf eine sich zuspitzende Lesekrise bei Jugendlichen und die Folgen für demokratische Gesellschaften aufmerksam zu machen.
Die US-Historikerin und Autorin Jill Lepore, Pulitzer-Preisträgerin und Professorin an der Harvard University, zeichnete zum Auftakt ein düsteres Szenario. Die Menschheit befinde sich „auf des Messers Schneide der Geschichte“, sagte sie. Es gehe um die Entscheidung, ob Maschinen das Lesen, Schreiben und sogar das Denken übernehmen sollen. Künstliche Intelligenz bedrohe Kunst und Literatur, die Freiheit des Denkens, demokratische Ordnungen und – wie es auch Tech-Unternehmen selbst formulierten – im Extremfall die Menschheit. Kapituliere man vor einem „Maschinenstaat“, verliere die Gesellschaft nicht nur ihre Freiheit, sondern auch ihren Verstand, so Lepore.
Parallel dazu richtet die Branche den Blick nach innen – auf die eigene Basis: junge Leserinnen und Leser. Sebastian Guggolz, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, warnte vor „gravierenden Folgen“ einer zunehmenden Leseschwäche in der jüngeren Generation. Daten zum Buchmarkt 2025 verweisen nach seinen Angaben bei der Altersgruppe der 10- bis 15-Jährigen auf einen Rückgang der gekauften Bücher um 30,6 Prozent. Zugleich zeigt die jüngste Pisa-Studie, dass jedem dritten 15-Jährigen grundlegende Lesekompetenz fehlt. Spätestens mit dem Erwachsenwerden werde eine grassierende Leseschwäche zu einer Schwäche in der Meinungsbildung, sagte Guggolz: Wer verschiedene Positionen nicht mehr lesend erfassen und vergleichen könne, habe es schwer, sich fundierte Urteile zu bilden.
Die verbreitete Hoffnung, digitale Assistenten könnten Defizite im Lesen auffangen, weist die Branche zurück. „Das Problem der Lesekompetenz kann nicht vom Siegeszug der KI, die uns beliebig abgerufene Antworten liefert, kompensiert werden“, betonte Guggolz. Im Gegenteil: Wer nicht mehr sinnentnehmend lesen könne, sei kaum in der Lage, Antworten aus KI-Systemen kritisch zu prüfen. Vor diesem Hintergrund wird die Messe auch zu einem Forum für Urheberrechtsfragen und die Regulierung von Big Tech. Lepore bezeichnete die Veranstaltung als Gelegenheit, die Unabhängigkeit beim Schreiben und Lesen zu bekräftigen: Gedanken, Worte und Bücher gehörten den Menschen selbst, und Zustimmung oder Verweigerung gegenüber jedem Regierungssystem müsse von ihnen ausgehen – nicht von Maschinen.

Ein umfangreicher Auswertungsbericht der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) zu digitalen Daten des verstorbenen Justiz-Spitzenbeamten Christian Pilnacek sorgt für neuen politischen und justizinternen Sprengstoff. Chatprotokolle, E-Mails und weitere Unterlagen zeichnen ein Bild tiefgreifender Konflikte innerhalb der Justiz – insbesondere zwischen der WKStA und Teilen der vorgesetzten Behörden. Parallel dazu bereitet ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss die Befragung von Schlüsselpersonen vor, um mögliche politische Einflussnahmen auf Ermittlungen rund um Pilnacek und dessen Tod zu beleuchten.
Aus der von der WKStA erstellten Expertise zu Pilnaceks Kommunikationsdaten geht hervor, wie der langjährige Leiter der für Strafrecht zuständigen Sektion im Justizministerium über Jahre hinweg gegenüber der WKStA Stellung bezog. Der Bericht zeigt, dass der damalige Wiener Oberstaatsanwaltschef Johann Fuchs im Juni 2019 in einer internen Nachricht erklärte, er sehe es als Aufgabe seiner Amtszeit, eine von der WKStA angeblich offengelegte „Verkommenheit“ im Berufsstand „mit allen Mitteln zu bekämpfen“. Er bezeichnete Pilnacek darin ausdrücklich als Mitstreiter. In dem Gutachten findet sich zudem Material, aus dem hervorgehen soll, wie die Korruptionsstaatsanwaltschaft aufgelöst und neu aufgesetzt werden könnte.
Die Auswertung des Laptops und mehrerer Speichermedien Pilnaceks, die in einem rund 440 Seiten starken Bericht zusammengefasst wurde, behandelt auch seine Kontakte in das Umfeld der ÖVP. Der frühere Sektionschef war von 2010 bis 2020 über alle wesentlichen Strafsachen der Republik informiert und konnte als weisungsbefugter Beamter Ermittlungsschritte mitsteuern oder Berichte anfordern. Laut dem Bericht kooperierte er in dieser Zeit eng mit ÖVP-nahen Personen und wirkte an der Verteidigung von Beschuldigten mit. Nach Bekanntwerden einer Audioaufnahme aus dem Sommer 2023, in der Pilnacek Interventionen von ÖVP-Seite beklagte, leitete die WKStA ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannte Täter ein; dieser Interventionsakt ist nun ebenfalls Gegenstand des U-Ausschusses.
Der Untersuchungsausschuss, der sich mit den Umständen von Pilnaceks Tod und dem Umgang der Behörden befasst, bekommt das WKStA-Dokument zeitlich passend zur nächsten Befragungsrunde vorgelegt. Zunächst soll ein IT-Experte der WKStA, der für das Auslesen von Datenträgern zuständig ist, Auskunft geben. In den darauffolgenden Tagen werden Exekutivbeamte befragt, darunter der Leiter des Bundeskriminalamts sowie zwei Polizeibeamte aus Niederösterreich, die unter anderem mit Pilnaceks Geisterfahrt Stunden vor dem Fund seiner Leiche in einem Donau-Seitenarm befasst waren. Politisch besonders im Fokus steht der Auftritt von Innenminister Gerhard Karner und dessen Kabinettschefin, nachdem eine vom Ressort in Auftrag gegebene Schulungsunterlage für geladene Auskunftspersonen parteiübergreifend – mit Ausnahme der ÖVP – auf Kritik gestoßen war.
Die Kombination aus internen Justizchats, detaillierter Datenauswertung und politischer Aufarbeitung im Parlament verschärft die Debatte über das Verhältnis zwischen Ministerien, Staatsanwaltschaften und Parteien. Während die WKStA ihre Auswertungsergebnisse in den U-Ausschuss einbringt, suchen Abgeordnete nach Antworten auf die Frage, ob und in welchem Ausmaß versucht wurde, auf Ermittlungen Einfluss zu nehmen – sowohl in prominenten Wirtschafts- und Korruptionsfällen als auch im Zusammenhang mit den Untersuchungen nach dem Tod eines der einflussreichsten Justizbeamten der vergangenen Jahre.